in reply to Richard Emling (DO9RE)

Ich bin blind seit Geburt. Leber’sche Congenitale Amaurose. Eine Erkrankung, bei der die Stelle des schärfsten Sehens nie ausgebildet wurde, bei der die Fotorezeptoren rundherum im Laufe des Erwachsenwerdens nach und nach abgestorben sind. Als Kind hatte ich dennoch Sehrest: grobe Umrisse, große Objekte, Lichtquellen. Ich bin im Dorf Fahrrad gefahren, bis ich zehn war. Heute, Ende dreißig, benutze ich einen Lichtsensor, wenn ich sicher sein will, dass das Deckenlicht wirklich an ist. Mein Leben ist nicht weniger geworden – aber mein Sehen ist längst kein Feld mehr für medizinische Überraschungen. (2/9)
in reply to Richard Emling (DO9RE)

Und doch betrete ich Augenarztpraxen, in denen man genau so tut, als wäre ich ein ungelöstes Rätsel. Ich komme meist nur, um ein Rezept für ein blindentechnisches Hilfsmittel abzuholen. Keine Hoffnung, keine Erwartung auf Verbesserung. Nur Bürokratie. Und trotzdem beginnt fast immer dasselbe Ritual: Tropfen zur Pupillenerweiterung. Grelles Licht, das schmerzt. Untersuchungen, deren Sinn niemand erklärt. Ärger, weil ich nicht „richtig mitmache“. (3/9)
in reply to Richard Emling (DO9RE)

Ich habe das Glück, arbeiten gehen zu können. Seit Jahren bezahle ich meine Blindenhilfsmittel selbst. Sogar das Jaws-Update werde ich selbst bezahlen, genau um dieser Erniedrigung zu entgehen. Ich empfinde das als entwürdigend. Auch ich bin von Geburt an blind. Bei mir sind die Augen normal, der Sehnerv ist verkümmert. Daran ändert sich nichts. Ich will mich nicht jedes mal neu rechtfertigen und meine Blindheit beweisen. Und es ist mir unverständlich, warum es für Menschen mit einer auf dem Ausweis festgestellten unbefristeten Behinderung keine Regelung gibt, dass der Ausweis als Nachweis der Notwendigkeit gilt... #Blindleben #Disabled-Alltag